Dirk Reinartz: Innere Angelegenheiten

Dirk Reinartz: Innere Angelegenheiten
Nachrufe zu dem 2004 verstorbenen Fotografen Dirk Reinartz:
Er musste fast die ganze Welt bereisen, um schließlich sein Lebensthema zu finden: Deutschland. 1971 hatte er als jüngster Fotograf in der Geschichte des Blattes beim stern begonnen; sechs Jahre und unzählige Reisen später, auf dem Rückflug von Lagos, entdeckte er aus der Luft seine Heimat neu für sich. Ihr spürte er fortan nach als freier Fotograf, aber nicht ihren Schauseiten, die es einem Fotografen leicht machen, die idyllischen Landschaften und pittoresken Städte. Nein, Dirk Reinartz` Enthusiasmus, Akribie und unbestechlicher Blick galten den Allerweltstecken im so genannten öffentlichen Raum, den aber niemand gerne betritt: öde Bushaltestellen, Gewerbegebietstristesse, Waschbetonwüsten.
Kein schöner Land, Deutschland durch die Bank oder Innere Angelegenheiten hießen seine Bücher und Ausstellungen – Ironie, auch Selbstironie eines Sammelwütigen. Wie ein Ethnologe, der in Hassliebe an seinen Gegenstand gekettet ist, hat Reinartz die ästhetische Nachtseite eines prosperierenden Landes festgehalten – und die Menschen, die darin leben (müssen). Für das ZEITmagazin hat er oft fotografiert, Reportagen, in denen deutsch sein nichts Abstraktes mehr ist.
Über all den Schandeflecken (auch den KZs hat er einen beklemmenden Bildband gewidmet, totenstill) ist der gebürtige Aachener Dirk Reinartz nie trübsinnig geworden, wir in der Redaktion haben den stattlichen Kerl immer lachend, lebenshungrig, tatendurstig erlebt, auch in Zeiten, als die Lage für freie Fotografen schwieriger wurde. Vielleicht waren ja die Künstlerporträts, die er mit ähnlicher Hingabe und Scharfsicht wie seine Landeskunde komponierte, eine Art Gegengift, das Schöne gegen das Biest. Seit 1998 gab der völlig uneitle Könner sein Wissen als Professor an der Muthesius Hochschule in Kiel weiter. Am vergangenen Wochenende ist er, erst 57 Jahre alt, völlig überraschend gestorben, den Kopf voller Pläne für neue Bilder, die uns und unser Land entdeckt, erkannt hätten.aus: Die Zeit vom 01.04.2004
Liebe Leserin, lieber Leser
Er war ein Mann der ersten Stunde. Seine Bilder haben dieses Magazin geprägt. Er war einer von uns. Er wurde nur 56 Jahre alt. Wir trauern um Dirk Reinartz, unseren Fotografen.
Rund 400 Künstlerinnen und Künstler hat Dir Reinartz im Auftrag von art porträtiert – und kein Bild ist wie das andere. Routine im Täglichen kannte auch er, als Haltung war sie ihm ein Leben lang fremd. Dirk Reinartz war zuerst ein Staunender. Er ließ sich neugierig, ja mit intelligenter Naivität auf sein Gegenüber ein. Er wollte verstehen, um dann zu einem Bild zu kommen, das den Porträtierten in seinem Wesen und Tun erfasst.
Ich habe mit vielen Künstlern gesprochen, nachdem Dirk Reinartz sie besucht hat. Ein jeder hat seine Sensibilität, seine offene Freundlichkeit, seine sanfte Beharrlichkeit gelobt. Und ein jeder hat begriffen, dass hier ein Fotograf in sein Atelier kam, der zuallererst an Kunst und Künstler interessiert war – und nicht einer, dem es vorrangig um Material für die eigene Selbstdarstellung ging. Ein jegliches Porträt wurde souverän gebaut, keines aufwändig inszeniert. Gemeinsam mit den Künstlern hat Reinartz die Möglichkeit zum gültigen Porträt ausgelotet, nirgendwo ist Hektik oder falsche Pose spürbar. So entstanden Kontakte, die oft über Tag und Auftrag hinaus hielten. Mit dem Bildhauer Richard Serra kam es gar zu einer lebenslangen Zusammenarbeit.
Als Künstler Dokumentarist hat Dirk Reinartz für art fast alle Biennalen in Venedig und von 1982 bis 2002 jede Documenta in Kassel fotografiert. Seine Bildsprache war geprägt vom Streben nach Wahrhaftigkeit, zielte nicht auf eitle Überwältigung des Betrachters. Übernommen hat Dirk Reinartz diese Haltung, die zum Stil seiner Arbeit wurde, von seinem Lehrer – dem großen Otto Steinert. Bei ihm hat er an der Folkwangschule in Essen studiert. Nach Anfangsjahren beim „Stern“ arbeitete Reinartz als freier Fotograf – für art, für „Die Zeit“, für „Life“ und mehr und mehr im Selbstauftrag. Seine Untersuchungen, mit unbestechlichem Forscherblick angestellt, sind in eindringlichen Büchern veröffentlicht. Meist haben sie Deutschland zum Thema: „Kein schöner Land“ (1989), „Besonderes Kennzeichen: Deutsch“ (1990), „Deutschland durch die Bank“ (1997) und „Innere Angelegenheiten“ (2003). Seine Bild-Essays wurden in der Neuen Nationalgalerie und im Martin-Gropius-Bau in Berlin gezeigt. Seit 1998 war Dirk Reinartz Professor für Fotografie an der Muthesius - Hochschule in Kiel.
Dirk Reinartz, der uns nun fehlt, war lebensdurstig, war humorvoll, war treu und gänzlich uneitel. Wir hatten noch so viele Pläne miteinander.
aus: ART, Nr. 5 / Mai 2004, Seite 3
Was gesagt ist, ist gesagt
Zum Tod von Dirk Reinartz
von
Ulf Erdmann ZieglerIn Hamburg 1980, im Labor von VISUM in der Isestraße, zeigte Dirk Reinartz mir ein paar Feinheiten beim Vergrößern schwarzweißer Negative. Als im Radio „Dschingiskan“ gespielt wurde, tanzte er in der Dunkelkammer eine Disco-Shownummer mit weit von sich gestreckten Armen. Ein Mann von dreiunddreißig Jahren! Ich war schockiert.
Das, was seine Essener Kommilitonen für den Glücksfall einer Traumkarriere hielten, hatte Reinartz, der am 15. September 1947 geboren worden war, schon hinter sich. Als Student bei Otto Steinert gewann er einen Fotowettbewerb beim „stern“. So kam er mit Eberhard Seeliger nach Japan, einem Fotografen, von dem er berichtete, dass „der auf der Straße laut herumfurzt und sich darüber noch freut“; für Dirk ein überzeugend volkstümlicher Charakter. Seeliger empfahl den 23jährigen bei seiner Redaktion, und das war schon reiner Reinartz: Er löste keine Konkurrenzgefühle aus. Er wurde ein kleiner Star der siebziger Jahre, ein Glückskind, dem vieles gelang.
Viele Jahre später vom „stern“ gebeten, einen Titel über Schwule zu fotografieren, ließ er sich von Hamburg nach München fliegen und ging im Englischen Garten spazieren, bis er ein passendes Paar fand. Er fotografierte die Männer im Profil, im Abendlicht, sehr zart. Daran kann man zweierlei erkennen: Seinen menschlichen Sinn und seinen Ortssinn. Ihn interessierte nicht das folkloristische Kolorit eines Ortes, sondern seine historische Intensität. Diese war aber nicht einfach „da“, sie musste metaphorisch ergründet werden.
In einem schmalen (IfA/Lufthansa) Katalog „Deutschlandbilder 4“ von 1985 findet sich die frontale Ansicht eines weiß getünchten Hauses von der Gartenseite, dessen große Öffnung ein Garagentor ist und dessen einziges Fenster einen Mann und eine Frau im Profil zeigt; ein typisch holländisches Kitschposter der siebziger Jahre. In Farbe fotografiert, hat das Bild etwas Frühjahrsgrün. Eine Hollywoodschaukel ohne Polster steht herum; Fahrräder.
In „Kein schöner Land“ kehrt dieselbe Örtlichkeit („Hinter dem Zwinger, Buxtehude“) wieder, als Winterszene, schwarzweiß. Frei von Details, konkurriert jetzt das halboffene Garagentor mit dem Paar im Fenster. Das kahle Geäst wirft unwahrscheinlich ziselierte Schatten auf das weiße Gemäuer. Im gekappten Ast sieht man nun die Parodie einer Erektion. Das Anekdotische ist ausgekehrt; das Bildhafte der Fundstelle verdichtet. Reinartz betrachtete die Bundesrepublik nicht als Schema, sondern stellte sich die Frage, wie sie sich selbst sieht – oder zumindest sehen könnte.
Je komplexer sein Projekt wurde, desto entscheidender war sein Rückzug. Aus der Redaktion des „stern“ in die Gruppe VISUM, von VISUM in die freiberufliche Existenz, und diese wurde verankert in der Ehe mit Karin Raabe, dann Karin Reinartz, die seit 1982 auch seine Geschäfte führte. Von Essen nach Hamburg nach Buxtehude. Dort, in einem Eckhaus mit steilem Giebel, hielten sie ihre postmoderne Familie zusammen, mit vier Jungs in zwei Generationen.
Dirk, dessen Mutter aus Lübeck stammte, war fasziniert vom norddeutsche Protestantismus, von der Durchschaubarkeit seiner landschaftlichen Unordnung, vom Behelfscharakter des Alltags. Aber seine rheinische Zunge war immer die gleiche, auch der Frohsinn, die Sprüche, die Lebensart. Ein passionierte Koch war Dirk, und ein guter.
Als ich ihn vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal sah, war Dirk Reinartz ein hoch gewachsener Mann mit Bauch, mit Nikons, mit einer Brille, die seine Augen groß machte, staunend, wie die eines Kindes. Kaum hatten wir ein paar Worte gewechselt, lud er mich zum Essen ein, und als wir uns verabschiedeten, öffnete er den Kofferraum seines alten 5er-BMWs, den er in der Heidelberger Fußgängerzone geparkt hatte, und schenkte mir einen Kodachromevorrat, der zwei Jahre reichen sollte. Am nächsten Tag portraitierte er mich, einen verlorenen Jurastudenten mit blonder Matte, in einer 6-Quadratmeter-Mansarde. Er, zwölf Jahre älter, war der Richtige, um die gesammelten Irrtümer meiner Teens zu erkennen und mich sanft, aber bestimmt auf Kurs zu bringen. Er versprach nichts und machte auch für nichts und niemanden Reklame. Für professionelle Mythen war er nicht zu haben. Meinen Bericht vom Praktikum bei F.C. Gundlach, das er mir vermittelt hatte, fasste er so zusammen: „Siehste, da wird auch nur mit Wasser gekocht.“
Für die Dauer eines Vierteljahrhunderts war er der einzige Mensch, dem ich regelmäßig Publikationen schickte; Entlegenes wie die „Ästhetik“ – Kolumnen aus dem „Merkur“. Irgendwann ließ er mich wissen, warum er nie zurück schrieb: Er hatte Mühe mit dem Schreiben. Er rief statt dessen an. Womit er keine Mühe hatte, waren intellektuelle Diskurse. Niemals hat Dirk Reinartz das Robuste der Fotografie benutzt, um es gegen Denken auszuspielen.
Seine Fähigkeit, Mut zu machen, war exzeptionell. Aber wir sollten nun nicht so tun, als wenn Dirk immer alles gut fand oder immer zu allen nett gewesen wäre. Männer mit Hüten hinter dem Steuer eines Mercedes 230 auf der linken Spur der Autobahn: absolutes Feinbild! Reinartz kannte die Hochstapler in den Redaktionen, die Pappnasen unter den Künstlern, die Gegner in der Politik. Portraits von Kohl für den Wahlkampf? Absage. Leider nein. Den Ausdruck „eines Brass auf etwas haben“ hörte ich von ihm zum ersten Mal.
Er leuchtete aus sich heraus, ohne Mission. Er alterte auf imposante Weise. Seine Boxerstirn, sein Seehundschnurrbart, ein Vorrat an Locken, die helle Stimme; die handgenähten amerikanischen Schuhe, die wollenen Anzugsstoffe, seine hedonistische Leibesfülle: Von so einem ließ man sich schon umarmen. Ausgestattet mit einem untrüglichen common sense, war er ein vorzüglicher Ratgeber in kniffligen Situationen. Er war der gelassenste No-nonsense-Typ, den man sich vorstellen kann, brüderlich und väterlich zugleich. Ein 68er, wie er im Buche steht: aufgeklärt, kritisch, unkorrumpierbar, mit weitem Horizont. Was ihn von vielen Altersgenossen trennte, war der Generationenstolz, den er nicht besaß. Die Arbeit an sich selbst stand bei ihm nicht im Dienst der Eitelkeit. Insofern war er prädestiniert, einen Lehrstuhl zu übernehmen. Er sagte in Essen ab und in Kiel zu, auch deshalb, weil er dort der alleinige Vertreter seines Fachs war; Reinartz war „ganz Fotografie“ und nicht eine Abteilung darin. Seit 1998 bildete er an der Muthesius - Hochschule Studenten aus, und sehr bald sah man das Ergebnis: Schwierige Aufgaben, klare Bilder. Die Student(inn)en fotografierten nicht wie Reinartz, sondern schauten sich seine Methoden ab; den langen Atem, die Dichte an Information, die ironische (aber eben nicht sarkastische) Disposition.
Der Fotograf Dirk Reinartz war ein entschiedener Stilist, aber sein Stil war weniger Erfindung als Amalgam. Er begann, wie viele seines Alters, als Bewunderer Robert Franks, schulte sein Auge für Vertikalen und Filigranes bei Lee Friedlander, und wäre auf seine tiefschwarzen Lagerfotografien in „totenstill“ nicht gekommen ohne den Einfluss Michael Schmidts, den Reinartz sehr schätzte.
Schwarzweiß war für ihn essentiell, um sein Erkenntnisinteresse auszubilden und seine Autorenschaft zu begründen: Das tiefe, durchstrukturierte Bleigrau seiner Prints war ein Markenzeichen. In Farbe hatte er eine Menge Erfahrung – Großbild und Kleinbild -, aber es war ein hartnäckiger Prozess, die Farbe einzubinden in das Deutschlandprojekt. Vor einigen Monaten erschienen dann, als achtes Buch unter seinen Namen bei Steidl, die „Inneren Angelegenheiten“, eine haarsträubende Reise durch deutsche Betonlandschaften. Darin zeigt sich eine grundsätzliche Erfahrung in der „künstlerischen Interpretation von Wirklichkeit“ (Reinartz) oder eben der dokumentarischen Fotografie: Die Bilder bannen das Objekt. Was gesagt ist, ist gesagt.
Die Gefahr, in die er mit seinen Herzrhythmusstörungen geraten war, hat Dirk nicht hochgespielt. Er war eben auf der dankbaren Seite, glücklich über die schlagartige Verbesserung seiner Befindlichkeit. Er starb früh am Morgen des 27. März in einem Hotel in Berlin – Friedrichshain, während er mit Karin sprach – mitten im Satz. Ein glücklicher Tod, vielleicht. Man wird ihn sehr vermissen.
aus: PHOTONEWS, Nr. 5 / Mai 2004, S. 8-9